siebzehn
Beinahe jeden Tag bat sie: „Komm nach der Schue noch mit zu mir. Wir fragen uns gegenseitig Vokabeln ab und anschließend hören wir meine neue CD. Bleib doch mal am Wochenende über Nacht bei mir. Sabine, bitte! Das wäre herrlich!“
Meine Mutter fand das gar nicht herrlich. „Immer steckst du mit diesem Mädchen. Es ist nicht gut für Franzi, wenn er so oft allein zu Hause ist.“
„Wieso? Du bringst ihn morgens in den Kindergarten und holst ihn nach der Arbeit wieder ab. Am Wochenende ist Papa auch zu Hause. Wann ist Franzi denn allein?“, fragte ich.
„Er soll sich nicht wie ein Einzelkind fühlen“, meinte meine Mutter daraufhin. „Familienleben ist heute wichtiger denn je.“
„Willst du damit sagen, dass ich mich um Franzi kümmern soll, damit er sich nicht langweilt und dich mit seinen ständigen Fragen beim Putzen oder Kochen stört oder Papa beim Werkeln in der Garage? Spielt ihr doch mit Franzi! – Bitte, lass mich eine Nacht bei Anne schlafen.“
„Werde nicht frech“, warnte meine Mutter. „Mir ist es nicht recht, wenn du so oft weg bist.“ Sie seufzte. „Spiel mit gesunden Kindern. Diese Anne tut mir Leid. Ich habe nichts gegen sie. Glaub mir das! Aber ich muss an meine eigenen Kinder denken. Ich will, dass ihr fröhlich aufwachst.“
„Anne braucht dir nicht Leid tun“, widersprach ich heftig. „Warum kannst du nicht begreifen, dass sie meine Freundin ist und dass wir zusammen fröhlich sind?“
„Ich muss mich nicht vor die rechtfertigen“, sagte meine Mutter und dann wechselte sie das Thema.
Daraufhin ging ich zu meinem Vater. Er sah die Angelegenheit lockerer und hatte nichts dagegen, dass ich Samstag nach dem Mittagessen zu Anne ging und erst am Sonntag zurückkam. Es gelang mir, meine Eltern gegeneinander auszuspielen. Ich hatte mich durchgesetzt, aber Mama und Papa stritten deswegen.
Wenn meine Eltern Krach haben, kriege ich immer ein ganz dummes Gefühl. Es ist, als ob lauter Eisnadeln durch die Luft schwirren. Ich verschwinde so schnell wie möglich in meinem Zimmer. Meistens kommt Franzi sofort hinterher. Dann kuschelt er sich an mich und will etwas vorgelesen haben, damit er nicht hört, was nebenan im Wohnzimmer abgeht. Doch diesmal nahm ich mein Fahrrad. Ich wollte raus, am liebsten bis auf den Mond. Irgendwohin, wo es keinen Familienkrach gab und keine Freundin, die mal Krebs gehabt hatte und deshalb immer noch als „krankes Kind“ galt. Irgendwohin, wo es keine Vorurteile gab und auch kein Bauchweh, weil man ein schlechtes Gewissen hatte.
Als das Wochenende mit Anne heranrückte, hatten sich die Wogen zu Hause wieder geglättet. Ich freute mich sehr bei meiner Freundin schlafen zu dürfen.
Annes Vater spielte Klavier, als ich kam. Er war ganz anders als mein Vater, eher so wie ich mir einen Künstler vorstelle, groß, schlank, mit lockiger Haarmähne. Eine Art Luxusvater. Anne hatte mir einmal erzählt, dass ihr Vater an einem Forschungsauftrag arbeite. Was immer das sein mochte, es war bestimmt eine saubere, bedeutungsvolle Arbeit. Mein Vater war Automechaniker und hatte oft schmutzige Hände. Bei Annes Eltern lief nie der Fernseher, wenn ich kam. Nie roch es aus der Küche nach Schweinebraten, nie lagen Zeitungen auf dem Fußboden verstreut. Dafür standen selbst im Flur Bücherregale und überall gab es Blumen. An den Wänden hingen ungerahmte Bilder, so was Abstraktes. Bei uns in der Wohnung hätten die komisch ausgesehen, aber hierher passten sie. Ich kam mir immer ein bisschen fremd vor bei dieser Familie. Trotzdem war ich gern hier.
Obwohl draußen die Sonne schien, wollte Anne lieber im Haus bleiben. Sie fing sofort wieder an über unser Gewalt-Projekt nachzudenken. „Weißt du, es schmeckt so bitter, wenn dich jemand beleidigt oder schlägt oder schubst, dass du im Dreck landest“, sagte sie. „Vor allem geht das immer so weiter. Erst tut dir einer weh, dann haust du zu, dann kriegt der andere die Wut und rächt sich.“ Anne schüttelte den Kopf. „Rache folgt auf Rache. So wird die Gewalt immer mehr in der Welt.“
Sie strich sich mit beiden Händen über den Kopf, langsam, nachdenklich, die Augen voller Trauer. „Weißt du, diese Krankheit – es ist genau dasselbe. Erst greifen dich die Krebszellen an. Du weißt nicht einmal warum. Dann kommt der Chemo-Knüppel. Der haut den Krebs kurz und klein. Die Schwestern sagen dir das auch so. Du sollst dir vorstellen, wie du den Feind in deinem Körper umbringst. Aber du tötest dich immer auch ein Stückchen selbst dabei. Und wenn du am wenigsten daran denkst, kriechen auf leisen Pfoten ein paar klitzekleine Krebszellen aus ihrem Versteck hervor. Und dann kommt die Rache.“
„Anne, hör auf, du spinnst wohl! So darfst du das nicht sehen. Der Krebs ist eine Krankheit und kein Lebewesen. Red dir nicht so einen Unsinn ein.“
Ich ging zu ihr hin und legte ihr den Arm um die Schulter, denn sie weinte.
„Aber es ist wirklich kaum anders als Gewalt in der Schule“, sagte sie schluchzend. „Es ist eben Gewalt im Körper. Beides ist brutal. Wenn ich nur wüsste, warum ausgerechnet ich diese Krankheit gekriegt habe.“
Wir hockten uns auf Annes Bett, krumm und entschlusslos. Herr Herzog spielte im Nebenzimmer Klavier. Eine Weile war nur die Musik zu hören und Annes Schniefen.
„Sabine, warum habe ich diesen Krieg in meinem Blut? Die Schule quillt über von Kindern und die meisten haben noch Geschwister. Aber keines von all denen kriegt so einen blöde Krankheit. Nur ich. – Warum?“
Darauf fiel mir damals keine Antwort ein. Darauf fällt mir auch heute noch keine Antwort ein.
Zum Glück hielt Annes traurige Stimmung nicht lange an oder sie konnte sie gut verbergen. Sie stand auf und lief durchs Zimmer, als ob sie etwas suchte. „Vergiss, was ich eben gesagt habe. Es ist vorbei, ich habe die Krankheit überwunden. Nur manchmal kommt ein Brocken hoch. Unverdaute Erinnerung, verstehst du? Naja, und die Angst, die wird man auch nicht so schnell los.“
„Scheiße“, sagte ich mitfühlend.
„Du sagst es. Aber es ist ja vorbei. Mit dir habe ich keine Hemmungen darüber zu reden. Du wirst nicht gleich blass und kriegst feuchte Augen, wie meine Mutter. Du haust auch nicht aufs Klavier um nichts mehr hören zu müssen, wie mein Vater.“
„Ich finde deine Eltern sehr nett“, sagte ich, „aber du bist heute komisch drauf. Lass uns irgendwas unternehmen, damit du auf andere Gedanken kommst. Oder wollen wir etwa das ganze Wochenende Trübsal blasen?“
„Nein“, sagte Anne. „Ich habe mir schon etwas ausgedacht. Hast du Mut?“
„Wozu?“
„Zu einem Ausflug, heute Nacht.“
„Was? Soll das ein Witz sein?“
„Durchaus nicht! Wollen wir nun was unternehmen oder nicht?“, fragte sie und ihre Augen blitzen.
Wir warteten, bis Annes Eltern in ihrem Schlafzimmer verschwunden waren und wir annehmen konnten, dass sie schliefen. Auf Socken schlichen wir über den Flur. Anne schob den Sicherheitsriegel zurück, klinkte leise die Wohnungstür auf und ebenso leise wieder zu. Im Treppenhaus zogen wir unsere Schuhe an. Dann schlichen wir an den anderen Wohnungen vorbei nach unten.
Draußen war es windstill, aber schon empfindlich kalt. Es war bereits Mitte Oktober. Anne hatte einen Kapuzenpulli übergezogen und einen Wollschal um den Hals geschlungen. Beide trugen wir Jeans. Man konnte uns nicht gleich als Mädchen erkennen. Anne meinte, das sei nachts unbedingt ein Vorteil.
Ziemlich rasch gingen wir durch das umliegende Wohngebiet. Dann überquerten wir die Hauptstraße, auf der jetzt wenig Betrieb war. Anne schien genau zu wissen, wohin sie wollte. Neben einer großen Tankstelle in der Tatenbergstraße lag eine Diskothek.
Meine Mutter fand das gar nicht herrlich. „Immer steckst du mit diesem Mädchen. Es ist nicht gut für Franzi, wenn er so oft allein zu Hause ist.“
„Wieso? Du bringst ihn morgens in den Kindergarten und holst ihn nach der Arbeit wieder ab. Am Wochenende ist Papa auch zu Hause. Wann ist Franzi denn allein?“, fragte ich.
„Er soll sich nicht wie ein Einzelkind fühlen“, meinte meine Mutter daraufhin. „Familienleben ist heute wichtiger denn je.“
„Willst du damit sagen, dass ich mich um Franzi kümmern soll, damit er sich nicht langweilt und dich mit seinen ständigen Fragen beim Putzen oder Kochen stört oder Papa beim Werkeln in der Garage? Spielt ihr doch mit Franzi! – Bitte, lass mich eine Nacht bei Anne schlafen.“
„Werde nicht frech“, warnte meine Mutter. „Mir ist es nicht recht, wenn du so oft weg bist.“ Sie seufzte. „Spiel mit gesunden Kindern. Diese Anne tut mir Leid. Ich habe nichts gegen sie. Glaub mir das! Aber ich muss an meine eigenen Kinder denken. Ich will, dass ihr fröhlich aufwachst.“
„Anne braucht dir nicht Leid tun“, widersprach ich heftig. „Warum kannst du nicht begreifen, dass sie meine Freundin ist und dass wir zusammen fröhlich sind?“
„Ich muss mich nicht vor die rechtfertigen“, sagte meine Mutter und dann wechselte sie das Thema.
Daraufhin ging ich zu meinem Vater. Er sah die Angelegenheit lockerer und hatte nichts dagegen, dass ich Samstag nach dem Mittagessen zu Anne ging und erst am Sonntag zurückkam. Es gelang mir, meine Eltern gegeneinander auszuspielen. Ich hatte mich durchgesetzt, aber Mama und Papa stritten deswegen.
Wenn meine Eltern Krach haben, kriege ich immer ein ganz dummes Gefühl. Es ist, als ob lauter Eisnadeln durch die Luft schwirren. Ich verschwinde so schnell wie möglich in meinem Zimmer. Meistens kommt Franzi sofort hinterher. Dann kuschelt er sich an mich und will etwas vorgelesen haben, damit er nicht hört, was nebenan im Wohnzimmer abgeht. Doch diesmal nahm ich mein Fahrrad. Ich wollte raus, am liebsten bis auf den Mond. Irgendwohin, wo es keinen Familienkrach gab und keine Freundin, die mal Krebs gehabt hatte und deshalb immer noch als „krankes Kind“ galt. Irgendwohin, wo es keine Vorurteile gab und auch kein Bauchweh, weil man ein schlechtes Gewissen hatte.
Als das Wochenende mit Anne heranrückte, hatten sich die Wogen zu Hause wieder geglättet. Ich freute mich sehr bei meiner Freundin schlafen zu dürfen.
Annes Vater spielte Klavier, als ich kam. Er war ganz anders als mein Vater, eher so wie ich mir einen Künstler vorstelle, groß, schlank, mit lockiger Haarmähne. Eine Art Luxusvater. Anne hatte mir einmal erzählt, dass ihr Vater an einem Forschungsauftrag arbeite. Was immer das sein mochte, es war bestimmt eine saubere, bedeutungsvolle Arbeit. Mein Vater war Automechaniker und hatte oft schmutzige Hände. Bei Annes Eltern lief nie der Fernseher, wenn ich kam. Nie roch es aus der Küche nach Schweinebraten, nie lagen Zeitungen auf dem Fußboden verstreut. Dafür standen selbst im Flur Bücherregale und überall gab es Blumen. An den Wänden hingen ungerahmte Bilder, so was Abstraktes. Bei uns in der Wohnung hätten die komisch ausgesehen, aber hierher passten sie. Ich kam mir immer ein bisschen fremd vor bei dieser Familie. Trotzdem war ich gern hier.
Obwohl draußen die Sonne schien, wollte Anne lieber im Haus bleiben. Sie fing sofort wieder an über unser Gewalt-Projekt nachzudenken. „Weißt du, es schmeckt so bitter, wenn dich jemand beleidigt oder schlägt oder schubst, dass du im Dreck landest“, sagte sie. „Vor allem geht das immer so weiter. Erst tut dir einer weh, dann haust du zu, dann kriegt der andere die Wut und rächt sich.“ Anne schüttelte den Kopf. „Rache folgt auf Rache. So wird die Gewalt immer mehr in der Welt.“
Sie strich sich mit beiden Händen über den Kopf, langsam, nachdenklich, die Augen voller Trauer. „Weißt du, diese Krankheit – es ist genau dasselbe. Erst greifen dich die Krebszellen an. Du weißt nicht einmal warum. Dann kommt der Chemo-Knüppel. Der haut den Krebs kurz und klein. Die Schwestern sagen dir das auch so. Du sollst dir vorstellen, wie du den Feind in deinem Körper umbringst. Aber du tötest dich immer auch ein Stückchen selbst dabei. Und wenn du am wenigsten daran denkst, kriechen auf leisen Pfoten ein paar klitzekleine Krebszellen aus ihrem Versteck hervor. Und dann kommt die Rache.“
„Anne, hör auf, du spinnst wohl! So darfst du das nicht sehen. Der Krebs ist eine Krankheit und kein Lebewesen. Red dir nicht so einen Unsinn ein.“
Ich ging zu ihr hin und legte ihr den Arm um die Schulter, denn sie weinte.
„Aber es ist wirklich kaum anders als Gewalt in der Schule“, sagte sie schluchzend. „Es ist eben Gewalt im Körper. Beides ist brutal. Wenn ich nur wüsste, warum ausgerechnet ich diese Krankheit gekriegt habe.“
Wir hockten uns auf Annes Bett, krumm und entschlusslos. Herr Herzog spielte im Nebenzimmer Klavier. Eine Weile war nur die Musik zu hören und Annes Schniefen.
„Sabine, warum habe ich diesen Krieg in meinem Blut? Die Schule quillt über von Kindern und die meisten haben noch Geschwister. Aber keines von all denen kriegt so einen blöde Krankheit. Nur ich. – Warum?“
Darauf fiel mir damals keine Antwort ein. Darauf fällt mir auch heute noch keine Antwort ein.
Zum Glück hielt Annes traurige Stimmung nicht lange an oder sie konnte sie gut verbergen. Sie stand auf und lief durchs Zimmer, als ob sie etwas suchte. „Vergiss, was ich eben gesagt habe. Es ist vorbei, ich habe die Krankheit überwunden. Nur manchmal kommt ein Brocken hoch. Unverdaute Erinnerung, verstehst du? Naja, und die Angst, die wird man auch nicht so schnell los.“
„Scheiße“, sagte ich mitfühlend.
„Du sagst es. Aber es ist ja vorbei. Mit dir habe ich keine Hemmungen darüber zu reden. Du wirst nicht gleich blass und kriegst feuchte Augen, wie meine Mutter. Du haust auch nicht aufs Klavier um nichts mehr hören zu müssen, wie mein Vater.“
„Ich finde deine Eltern sehr nett“, sagte ich, „aber du bist heute komisch drauf. Lass uns irgendwas unternehmen, damit du auf andere Gedanken kommst. Oder wollen wir etwa das ganze Wochenende Trübsal blasen?“
„Nein“, sagte Anne. „Ich habe mir schon etwas ausgedacht. Hast du Mut?“
„Wozu?“
„Zu einem Ausflug, heute Nacht.“
„Was? Soll das ein Witz sein?“
„Durchaus nicht! Wollen wir nun was unternehmen oder nicht?“, fragte sie und ihre Augen blitzen.
Wir warteten, bis Annes Eltern in ihrem Schlafzimmer verschwunden waren und wir annehmen konnten, dass sie schliefen. Auf Socken schlichen wir über den Flur. Anne schob den Sicherheitsriegel zurück, klinkte leise die Wohnungstür auf und ebenso leise wieder zu. Im Treppenhaus zogen wir unsere Schuhe an. Dann schlichen wir an den anderen Wohnungen vorbei nach unten.
Draußen war es windstill, aber schon empfindlich kalt. Es war bereits Mitte Oktober. Anne hatte einen Kapuzenpulli übergezogen und einen Wollschal um den Hals geschlungen. Beide trugen wir Jeans. Man konnte uns nicht gleich als Mädchen erkennen. Anne meinte, das sei nachts unbedingt ein Vorteil.
Ziemlich rasch gingen wir durch das umliegende Wohngebiet. Dann überquerten wir die Hauptstraße, auf der jetzt wenig Betrieb war. Anne schien genau zu wissen, wohin sie wollte. Neben einer großen Tankstelle in der Tatenbergstraße lag eine Diskothek.
Sonnenblume87 - 12. Dezember, 09:33

ich will weiterlesen....... :)
aber hey, in den letzten Tagen wurde doch recht viel reingestelllt, im gegensatz zu den letzten Wochen....